In Schweizer Wäldern herrscht Dichtestress: Zu viel Wild zerstört den Wald. Das ist ein Problem, denn die Hälfte aller Wälder sind Schutzwälder. Ohne sie sind Dörfer, Strassen und Zuglinien in Gefahr. Trotzdem schiesst man die Tiere nicht. BLICK besuchte einen Tatort.
Von Edith Arnold
Seewis im Kanton Graubünden ist wie ein Blick in eine karge Zukunft: Permafrost weg, Klimawandel in Gang, Steinschlagnetze und hässliche Lawinenschutzverbauungen statt artenreicher Schutzwald.
Zum Ort führt Sandro Krättli (34). Auf dem Wagen steht «Amt für Wald und Naturgefahren». Bei Seewis, auf der Nationalstrasse Landquart-Davos, biegt der Forstingenieur ab. Dann gehts hoch, der Weg wird enger und steiniger, bis Krättli das Gefährt stoppt. Mit umgehängter Teleobjektiv-Kamera schreitet er voraus. Trockene Blätter knistern. Dort vorne habe er diese Woche eine Gämse gesehen, flüstert er und zeigt auf eine Stelle in der Lawinengefahrenzone. Doch Baumstämme neben Baumstrünken, Vergrasungen zwischen Verbauungen: Was ist hier genau passiert?
Der Fachmann kommentiert: «Hier besteht Steinschlag- und Lawinengefahr. Oben ist eine Felswand, aus der sich Steine lösen können, unten führen die Nationalstrasse und die RhB-Bahnlinie durch. In den Neunzigerjahren gab man den Wald als natürliches Schutzsystem auf. Deshalb die Konstruktionen aus Stahl. Später wurden Buchen gefällt, weil man befürchtete, sie könnten die Verbauungen gefährden. Im Schutzwald ist Buche sowieso nicht optimal.»
Stahl statt Wald
In Seewis hat man den Schutzwald durch künstliche Verbauungen ersetzt. Das könnte auch vielen weiteren Wäldern blühen. Fast die Hälfte aller Schweizer Wälder sind Schutzwälder. Ohne sie sind Dörfer, Strassen oder Zuglinien unmittelbar Lawine, Steinschlag, Hangmuren oder Hochwasser ausgesetzt. Nicht nur in den Alpen. Auch entlang von SBB-Linien und Autobahnen wie zwischen Immensee und Arth-Goldau bei der Rigi-Nordflanke. Oder auf urbanen Wanderwegen wie beim Zürcher Uetliberg.
Krättli lenkt den Blick auf eine rechteckige, grün wuchernde Insel: Vor zehn Jahren zog man zwischen zwei Lawinenverbauungen zwei Zäune, wodurch eine wildfreie Zone entstand. Er balanciert kurz auf einer Stahlstange rüber, um eine Bestandsaufnahme zu machen: «Weisstanne, Lärche, Waldföhre, Vogelbeere, Fichte/Rottanne, Bergahorn, Birke, Esche, Kirsche!» Ohne Wild konnten sie alle nach der Ansamung perfekt gedeihen und entfalten das ganze Potenzial der natürlichen Waldverjüngung.
Über zwei Millionen Franken kostete das Mahnmal aus Stahl, ohne laufenden Unterhalt. Ein Schutzwald bedarf zwar auch der Pflege, doch die Kosten sind im Vergleich gering. Zwischen 20'000 und 40'000 Franken muss in eine Hektare Schutzwald investiert werden, hat das Bundesamt für Umwelt errechnet. Lawinenverbauungen aus Holz kosten mit 400'000 Franken das Zehnfache, Verbauungen aus Stahl veranschlagen bis zu einer Million Franken pro Hektare. Man schätzt, dass sich der volkswirtschaftliche Wert der Schutzwirkung eines Waldes auf etwa vier Milliarden Franken beläuft. Pro Jahr.
Mehr Wald entschärft Situation nicht
Die Waldfläche hat in der Schweiz seit 1975 um rund 14% zugenommen. Trotzdem lebt zunehmend mehr Wild auf einem Quadratkilometer Wald. Ursachen sind die Höhe der Wildbestände, aber auch die Zerschneidung von Lebensraum durch Verkehrsadern oder die Verdrängung des Wildes durch vermehrte Freizeitaktivitäten im Wald.
Anzahl Tiere pro km² Wald
UDI - Rehe, Gämsen und Rothirsche. Mit Hilfe des UDI-Indexes werden die unterschiedlichen Körpermassen von Hirsch, Reh und Gämse in eine vergleichbare Einheit umgerechnet. Ein Reh entspricht dabei 1/5, eine Gämse 1/4 der Masse eines Hirsches. Die berechnete Zahl ergibt den UDI je km² Waldfläche, auch wenn diese Tiere nicht nur im Wald leben.
Quelle: Kupferschmid A.D. (WSL) anhand Schweizerische Forststatistik (FS) 20.07.2017
Definition UDI in Motta R., 1996. Impact of wild ungulates on forest regeneration and tree composition of mountain forests in Western Italian Alps. Forest Ecology and Management 88, 93-98.
Ziel verfehlt
Wo steckt eigentlich das Wild zur Mittagszeit? Die Rehe wohl in den umliegenden Wäldchen, die Gämse im felsigen Gelände. Rothirsche ruhen gerne bis zur Dämmerung. Wir verlassen die sogenannte «Wildruhezone». Die Schutzwald-Exkursion führt weiter ins hintere Prättigau, an Walserhäusern vorbei. Viele Gärten sind eingezäunt, Blumentöpfe geschützt. Letzten Winter soll ein Dorfbewohner 14 Rothirsche im kleinen Privatgarten gezählt haben. Ähnliches hört man aus dem Walliser Aletsch-Gebiet. Dort kommen sie abends aus dem Aletschwald – ein Jagdbanngebiet und Schlaraffenland – und ziehen dann selbstbewusst zu den Bergdörfern.
In seinem Revier hat Sandro Krättli ein Bild mit über 80 Rothirschen auf einer Kuppe fotografiert. Seit dem Frühling ist der Hirschbestand im Kanton Graubünden von 16'500 auf etwa 22'000 angewachsen. Nach dem Jagdplan 2017 des kantonalen Amtes für Jagd und Fischerei sollen 5'370 Rothirsche (davon 2'950 Kühe) geschossen werden. Kürzlich veröffentlichte der Kanton die neusten Zahlen. Bisher wurden weniger als 5'000 Rothirsche geschossen. Die Jäger müssen zur Sonderjagd antreten. «Graubünden Wald», der Berufsverband des Bündner Forstpersonals, fände einen Zielbestand von 10'000 Tieren besser.
Aber auch National wird nicht so viel geschossen, wie für den Schutzwald nötig wäre. Die Schweiz weist in Europa die vierthöchste Wilddichte auf. Und Prättigau hält mit 20 Tieren pro Quadratkilometer gar absolute Rekordwerte. Seit Jahren hingegen bleibt die Abschussquote stabil, während das Wild zunimmt. 195'000 Tiere zählte man 1975 in Schweizer Wäldern. 2016 sind es bereits 261'000. Die Abschussquote dümpelt zwischen 25 und 29 Prozent umher.
Rückläufige Abschussquote trotz mehr Wild
Die Triebe junger Bäume stehen auf dem Speisezettel von Reh, Hirsch und Gämse. Der Wildbestand hat in der Schweiz kontinuierlich zugenommen. Eine regulierende Massnahme ist die Jagd. Die Abschussquoten sind im Verhältnis zum Bestand nicht mitgewachsen.
Bestand und Abschuss
Gesamtbestand Schalenwild (hier nur Rehe, Rothirsch und Gämse) pro Jahr in der Schweiz.
Lesebeispiel: 1975 sind von insgesamt 195'254 Tieren (100%) 56'287 Tiere (29%) geschossen worden.
Quelle: Eidgenössische Jagdstatistik, Bundesamt für Umwelt 2017.
«Leider verjüngt sich der Schutzwald nicht mehr»
Rothirsche nutzen weite Reviere. Rehe bewegen sich dagegen sehr lokal in Wäldern, wo sie den lieben langen Tag zarte Weisstannenknospen fressen. Das Reh im Hirschpelz? «Fünf, sechs Jahre intensiv Rehe bejagen, und die Weisstanne könnte sich etwas erholen», sagt Sandro Krättli, gestützt auf Eindrücke und Aussagen von Forstleuten in anderen Gebieten. «Die Fallwildzahlen bestätigen die hohen Rehdichten. Es sterben laut Statistik viel mehr Rehe als Hirsche auf der Strasse.» Bei den Jägern haben Rothirsche und Gämsen einen höheren Stellenwert. Im Kanton Wallis zahlen «Trophäenjäger» für grössere Geweihe mehr.
Weshalb wird ein hoher Wildbestand aufrechterhalten? Auch wegen Tierschützern? Ihnen ist die Jagd per se ein Dorn im Auge. Verschiedene Interessen treffen aufeinander. Jäger wünschen eine schöne Wildauswahl, Förster verträgliche Wildquoten. Die Sache ist komplex.
Wir parkieren bei Serneus vor Klosters. Die Natur zwischen dem Felsband und dem bis zu den Royals bekannten Touristenort ist malerisch gefärbt. Nur schöne Kulisse? Krättli zeigt sich besorgt: «Leider verjüngt sich der Schutzwald nicht mehr natürlich. Das Baumartenspektrum kann sich nicht entfalten. Besonders schmerzlich ist der Ausfall von Weisstanne und Bergahorn, sogar auf Fichte und Buche besteht hoher Druck. Es gibt zu viel Wild. Die Verjüngung wird ständig abgefressen. Wir müssen mit Zäunen nachhelfen, wegen der Naturgefahren auch mit Steinschlag-Schutzverbauungen ergänzen.» Diese könnten die Kosten von Seewis um ein Vielfaches übersteigen.
Kontrollzaun zeigt, es ist möglich
Teure Stahlkonstruktionen statt artenreiche Schutzwälder?! Und das in Zeiten des Klimawandels, in denen alles unternommen werden müsste, um Gelände nachhaltig zu stabilisieren?
Wie es denn funktionieren könnte, zeigt uns Krättli im Ginawald. Bei Peterlisboden errichtete man vor zwölf Jahren einen zehn Mal zehn Meter grossen Kontrollzaun. Daneben wurde eine Vergleichsfläche offen gelassen. Selbst Laien erkennen auf den ersten Blick: Hier Oase, dort Einöde. Wenn die Knospen der Jungbäume regelmässig abgefressen werden, habe dies einen Bonsai-Effekt, erklärt Krättli. Die Bäumchen wachsen, zwar verkrüppelt und nicht über menschliche Knie hoch, oft sterben sie aber über die Jahre ganz ab. Auf einmal kniet der Forstingenieur zur vergrasten Fläche nieder: «Ein Weisstannensämling, wunderschön, wie ein Stern!» Wir entdecken weitere Sterne und wünschen uns zu Weihnachten, dass sie so gross und symmetrisch werden wie jene in der eingezäunten Fläche.
Wildverbiss verhindert Waldverjüngung
Zwei Vergleichsflächen in Klosters dienen der Erforschung von Verbissfolgen auf die Waldverjüngung. Die eine Fläche ist durch einen Zaun vor Wild geschützt, die andere ist nicht eingezäunt.
Jungwald auf Vergleichsflächen mit und ohne Zaun
Jungwald nach Höhenklassen, Gebiet Ginawald, Klosters GR.
Bestandesaufnahme 2015 nach rund 20 jähriger Beobachtungssphase, aufgerechnet auf 25 m².
Quelle: Sandro Krättli, Amt für Wald und Naturgefahren Graubünden, 2017
Oasen in Zäunen neben Einöden kann nicht das Ziel sein. Die Lösung? Wolf und Luchs als natürliche Feinde des Wilds könnten Bewegung in die verbissene Sache bringen. Doch Pro Natura Schweiz kürt den Rothirsch zum «Tier des Jahres 2017». Man möchte seinen Lebensraum mit Korridoren bis ins Tal ausweiten. Die Tierpartei Schweiz will im Kanton Zürich mit einer Initiative die Jagd ganz verbieten. Gehören Bäume für Vegetarier nicht zur Natur? Zürcher Förster schätzen, dass ein Drittel der Wälder bereits in einem kritischen Zustand ist. Jeder fünfte Wald muss speziell geschützt werden.
Immerhin: Der Schweizerische Forstverein veröffentlichte kürzlich ein ähnliches Positionspapier wie die Bündner Förster mit dem Titel «Der Wald braucht die Jagd». Darin wird zur Zusammenarbeit zwischen Förstern und Jägern aufgerufen. Vielleicht löst sich so auch bald dieser Widerspruch: Zu viel Wild in unseren Schutzwäldern – fast nur importiertes Wildfleisch im Detailhandel.