Die Katarkrise im Überblick – Schiitischer Halbmond gegen sunnitisches Bollwerk

Johannes Hillig, Simon Huwiler und Janine Gygax

Am Persischen Golf gibt es mächtig Zoff. Saudi-Arabien, Bahrain, Ägypten und die Vereinigten Arabischen Emirate haben mit Katar, dem Organisator der Fussball-WM 2022, gebrochen. Alle Grenzen sind geschlossen, der Verkehr über Luft-, Wasser- und Landwege eingestellt. Nun zeichnet sich eine leichte Entspannung ab: Saudi-Arabien öffnet etwas seine Grenzen - zumindest für Pilger.
Grund für den Katar-Boykott und das Ultimatum: Katar soll den Terrorismus in Jemen und Syrien unterstützen. So lautet zumindest der offizielle Vorwurf. Doch der eigentliche Grund ist weit komplizierter, um Katar geht es nur am Rande.

Das kleine Land sorgte immer wieder mit einer eigenständigen Politik für Ärger bei seinen Nachbarn. Unter anderem unterhält es gute Beziehungen zum Iran und beherbergt eine Reihe wichtiger Vertreter der Muslimbruderschaft, die von Ägypten, Saudi-Arabien und den Vereinigten Arabischen Emiraten als «Terrororganisation» eingestuft wird.
«Terrorfinanzierung» geben die Länder um Saudi-Arabien als Grund an, weshalb sie Katar boykottieren. Dahinter steckt aber ein jahrhundertealter Kampf um Macht und die Vorherrschaft zweier Länder – zweier muslimischer Glaubensrichtungen – am Persischen Golf. Saudi-Arabien, Hochburg der Sunniten, wie auch der Iran, selbsternannter Verteidiger der Schiiten, sehen sich beide als eigentlicher Anführer des Nahen Ostens. Ein Konflikt, der seit dem Tod des Propheten Mohammed immer wieder aufbricht. Die Katar-Krise ist ein weiteres Kapitel in diesem Zoff.

Saudi-Arabien kämpft auf der sunnitischen Seite um die Macht in der Region. Das Land unter König und Premierminister Salman ibn Abd al-Aziz (81) ist sunnitisch geprägt. Zwei der heiligen Stätten des Islams – die Kaaba in Mekka und die Grabstätte des Propheten Mohammed in Medina – befinden sich in Saudi-Arabien. Kein Wunder, wurde der sunnitische Islam zur Staatsreligion erklärt. Altertümliche Strafen wie Steinigung oder Amputationen bei Diebstahl sind keine Seltenheit, die Todesstrafe wird vollzogen.

Regiert wird das Land von Salman ibn Abd al-Aziz (81) als König und Premierminister in Personalunion. Erst mit 79 Jahren wurde Abd al-Aziz im Januar 2015 zum König ernannt. Dabei war er gesundheitlich schon schwer angeschlagen. Knapp ein Jahr zuvor hatte er einen Schlaganfall erlitten, kann seither seinen linken Arm kaum bewegen. Auch Gerüchte über Alzheimer machten die Runde. Dennoch hält sich Aziz an der Macht. Seine Nachfolge hat der König nun selbst geregelt: Mohammed bin Salman, sein 31-jähriger Lieblingssohn, wird die Regierungstätigkeiten weiterführen.

Al-Aziz gilt seit vielen Jahrzehnten als Geldgeber von islamistischen Gruppierungen, auch von terroristischen. Er wird auch immer wieder in Verbindung mit dem Anschlag vom 11. September 2001 gebracht. Handfeste Beweise gibt es allerdings nicht.

Zusätzlich erhält Saudi-Arabien Unterstützung von den Vereinigten Staaten. Als erstes Land im Nahen Osten besuchte Präsident Trump Saudi-Arabien – ein Besuch mit Symbolcharakter. Mit im Gepäck: ein Waffendeal über 110 Millionen Dollar.

Auf der anderen Seite steht der Iran, Saudi-Arabiens Erzfeind. 90 Prozent der iranischen Bevölkerung sind Schiiten. Der Iran ist nicht nur sehr religiös, sondern auch sehr reich. Besonders dank des grössten Erdölvorkommens der Welt verfügt der Iran über viel Macht und kann Einfluss auf die Versorgung der Welt nehmen. Daneben zählt der Iran zu den Ländern mit den meisten Hinrichtungen. Denn Recht wird nach der Scharia, dem islamischen Gesetz, gesprochen. Die Todesstrafe kann für verschiedene Vergehen verhängt werden, wie zum Beispiel Ehebruch, Prostitution oder Gotteslästerung. Erschreckend: Minderjährige und Touristen sind davon nicht ausgeschlossen.

Geführt wird der Iran von Staatsoberhaupt Ajatollah Ali Chamenei (77). Chamenei gilt dabei als äusserst konservativ und radikal. Als gewandter Redner machte er sich zuvor einen Namen, aber nicht immer Freunde. 1981 wurde auf ihn ein Attentat verübt. Eine Bombe, versteckt in einem Tonbandgerät, explodierte während eines Gebets. Seit diesem Anschlag kann Chamenei seinen rechten Arm nicht mehr bewegen. Doch diese Attacke hielt ihn nicht davon ab, bis zum Führer seines Landes aufzusteigen.

Auch der Iran erhält Unterstützung von einer Weltmacht: Seit Jahren pflegen der Iran und Russland enge Beziehungen. Der Iran erwägt gar, Russland eine Militärbasis im eigenen Land zur Verfügung zu stellen.

Die beiden Erzfeinde Saudi-Arabien und Iran kämpfen nicht alleine um die Vorherrschaft im Morgenland. Unterstützt werden sie jeweils von ihren sunnitischen und schiitischen Verbündeten.

Saudi-Arabien erhält Unterstützung von den Vereinigten Arabischen Emiraten (VAE). Dabei handelt es sich um einen Zusammenschluss von sieben Emiraten, der 1971 erfolgte. Dank eines enormen Ölvorkommens, das siebtgrösste der Welt, zählen die VAE zu den reichsten Ländern der Welt. Geldprobleme gibt es also kaum welche. Dafür haben die VAE in Sachen Menschenrechte Nachholbedarf. Willkürliche Verhaftungen werden vollzogen, die Freiheit der Einwohner stark kontrolliert. Die Todesstrafe wird zwar vollstreckt, aber nur in seltenen Fällen.

Nicht nur das Land ist reich, auch Staatspräsident und Scheich Chalifa bin Zayid Al Nahyan (69) nagt nicht am Hungertuch. Das Vermögen des Ölmagnaten wird auf 23 Milliarden geschätzt. Und das gibt er auch gerne aus. Er besitzt eine der längsten Yachten der Welt, liebt Pferde- und Kamelrennen.

Auch auf sunnitischer Seite unterstützt Ägypten Saudi-Arabien. Pyramiden, Pharaonen und Kamele – das verbindet man mit Ägypten. Einst ein beliebtes Reiseziel, haben Unruhen und gewaltsame Aufstände seit 2011 dem Tourismus des Landes schwer zugesetzt. Der Machtwechsel durch den Militärputsch 2013 brachte kaum Besserung. Die Lage im Land ist nach wie vor angespannt. Meinungsfreiheit gibt es kaum, Folter und Misshandlungen für Gefängnisinsassen sind weit verbreitet. 90 Prozent der Bevölkerung sind Sunniten.

Präsident Abd al-Fattah as-Sisi (62) führte den Militärputsch 2013 an und steht nun an der Spitze der Regierung. Hier schaltet und waltet as-Sisi mit harter Hand. Er liess zahlreiche Politiker und Regime-Kritiker verhaften, manche sogar zum Tode verurteilen. Auf der anderen Seite fördert as-Sisi den Dialog zwischen den Religionen. In seiner Neujahrsrede 2015 forderte er ein Ende des Terrors. Es sei eine Schande, was Muslime im islamischen Glauben für Angst und Schrecken verbreiteten. Er plädiert für ein Miteinander, auch wenn er unzählige Menschen töten liess.

Zusammen mit Jordanien, Kuwait, Bahrain und Jemen bilden diese Staaten das Bollwerk gegen den schiitischen Iran und seine Verbündeten.

Zu Irans Verbündeten zählt Syrien. Obwohl über 70 Prozent der syrischen Bevölkerung den sunnitischen Islam leben, zählt sich die Führung des Landes rund um Präsident Baschar al-Assad (51) zu den Alawiten, einer Ausprägung des schiitischen Islams.

Assad ist studierter Mediziner und legte Teile seiner Weiterbildung zum Augenarzt in einem Londoner Spital ab. Weil sein Bruder 1994 bei einem Autounfall ums Leben kam, rückte Assad als Nachfolger seines Vaters auf. Im Jahr 2000 verstarb sein Vater, und er konnte durch eine Verfassungsänderung mit 34 Jahren das neue Staatsoberhaupt werden. Zuvor betrug das Mindestalter für Präsidenten 40 Jahre. Seither herrscht Assad entschlossen über sein Land. Er gilt als gebildet und erbarmungslos. So wird er zum Beispiel für einen Angriff mit dem Nervengift Sarin verantwortlich gemacht, bei dem zahlreiche Zivilisten, auch Kinder, qualvoll sterben mussten.

Lange Zeit waren der Irak und Iran zerstritten. 1980 mündete der Konflikt im Ersten Golfkrieg, irakische Flugzeuge unter Saddam Husseins Führung überquerten die irakisch-iranische Grenze und bombardierten iranische Flughäfen. Der Krieg dauerte acht Jahre, und selbst nach mehreren Hunderttausend Toten stand kein Sieger fest. Ein Waffenstillstand sorgte vorerst für Ruhe.
Die Mehrheit der irakischen Muslime sind Schiiten, doch regiert wurde das Land jahrelang von der sunnitischen Minderheit unter Saddam Husseins Baath-Partei. Seit dem Einmarsch der USA und dem Sturz von Hussein hat die schiitische Mehrheit an Einfluss gewonnen, der Iran ist zum neuen Partner geworden.

Schliesslich betreibt Katar Handel mit Iran – und wurde nun dafür bestraft. Die Sanktionen gegen dieses Emirat sind ein weiteres Kapitel der konfliktreichen Beziehung zwischen Saudi-Arabien und dem Iran.

Katar ist dabei nicht das erste Opfer dieses Konflikts, in diversen Stellvertreterkriegen versuchen die beiden Nationen, ihre Macht zu stärken.

Seit dem Frühjahr 2015 führt Saudi-Arabien gemeinsam mit einer Militär-Allianz gegen die vom Iran unterstützte Huthi-Miliz im Jemen Krieg. Die Huthis sind eine Gruppe militanter Rebellen, die offiziell die Macht über den Jemen übernommen haben. Der damalige Präsident Hadi musste fliehen und rief in Aden eine neue Regierung aus. Mittlerweile musste Hadi ganz aus dem Jemen fliehen. Zuflucht gewährt ihm Saudi-Arabien.
Tausende sind schon aus dem Land geflohen, die öffentliche Ordnung ist zusammengebrochen. Nun naht das nächste Unheil: Eine Cholera-Epidemie fegt über das Land hinweg, über 200'000 Menschen haben sich schon infiziert. Laut WHO der weltweit schlimmste Cholera-Ausbrauch.

Seit 2011 wütet der Bürgerkrieg in Syrien. Befeuert wird der Konflikt vom Iran und Saudi-Arabien. Der Iran unterstützt die schiitische Regierung Assads mit Waffen und Soldaten, während Saudi-Arabien den sunnitischen Rebellen beisteht und den Sturz des Diktators wünscht. Ein Ende des Bürgerkriegs ist nicht in Sicht. Zusätzlich legt Russland seine schützende Hand über Syrien. Seit Jahren sind die beiden Staaten Freunde und Handelspartner.

Das Königshaus von Bahrain gehört der sunnitischen Minderheit an, die Bevölkerungsmehrheit ist dagegen schiitisch. Wegen dieser konfessionellen Differenz kommt es immer wieder zu Unruhen. Als im Zuge des Arabischen Frühlings 2011 die Lage zu eskalieren drohte, unterstützte Saudi-Arabien das Königshaus mit Soldaten, um zu verhindern, dass der Iran Einfluss in Bahrain gewinnt. Die Aufstände konnten durch den Einsatz militärischer Unterstützung der Saudis niedergeschlagen werden.

Religiöse und wirtschaftliche Differenzen haben für einen tiefen Graben zwischen den zwei grossen Staaten Saudi-Arabien und Iran gesorgt. Eine Annäherung ist derzeit kaum vorstellbar. Der Katar-Boykott ist nur einer von vielen Stellvertreter-Konflikten, die den Nahen Osten bestimmen. Besonders heikel: Die USA und Russland greifen parteiisch ein. Während die Amis Saudi-Arabien unterstützen, kann sich der Iran auf die Hilfe von Russland verlassen. Eine Annäherung ist nicht in Sicht. Weder zwischen den USA und Russland noch zwischen Saudi-Arabien und dem Iran.